„Sollen wir Ihnen gleich einen Termin machen?“
Wenn Sie bei der Überweisung zu einem Facharzt von der Sprechstundenhilfe freundlich lächelnd so befragt werden, können wir davon ausgehen, dass Sie Privatpatient sind. Als Kassenpatient bekommen Sie vielleicht eine Liste mit Ärzten, Telefonnummern und die Anweisung: „Lassen Sie sich nicht abwimmeln, Sie sind ein dringender Fall!“
Politiker werden nicht müde zu betonen, dass Kassenpatienten jede medizinisch notwendige Behandlung bekommen. Selbst wenn man die kleine Einschränkung „medizinisch notwendig“, die eine eigene Diskussion erfordern würde, unbeachtet lässt, ist zu fragen, weshalb es Patienten gibt, für die der Zugang zu diesen Leistungen jederzeit und komfortabel möglich ist und andere, die Wartezeiten in Kauf zu nehmen haben, für die bestimmte Sprechzeiten gesperrt sind, die sich selbst um Termine kümmern müssen.
Ärztevertreter werden nicht müde zu betonen, dass die höheren Vergütungen, die Ärzte bei Privatpatienten von Krankenversicherungen abrechnen können, zur Sicherstellung des hohen Standards der medizinischen Versorgung notwendig sind und somit mittelbar auch den Kassenpatienten zugute kommen. Das ist sicherlich zutreffend und manche Hausarztpraxis wäre nicht überlebensfähig, würden die Privatpatienten nicht ich Teil zum Gesamtbudget beitragen. Auf der anderen Seite werden Privatpatienten auch regelmäßig dafür missbraucht, teure Gerätemedizin zu finanzieren und zu rechtfertigen. Es wäre schon interessant, einmal den Anteil von Privatpatientenkniegelenken, die kernspintomographiert wurden im Verhältnis zum Privatpatientenanteil an der Gesamtbevölkerung zu erfahren. Aber so viele Statistiken auch im Gesundheitswesen durch die Publikationen schwirren, diese konnte bisher noch nicht gefunden werden...
Weshalb befinden wir uns in dieser Lage? Sicher, die Situation ist historisch gewachsen, gesetzliche und private Kassen leiten ihre Existenzberechtigung aus den Gegebenheiten ab, die das deutsche Gesundheitssystem bestimmen: Privatwirtschaftliche Organisation der Haus- und Facharztversorgung, stationäre Versorgung zwar in öffentlicher Trägerschaft, aber mit frei ausgehandelten Vergütungsverträgen zwischen diversen, teilweise staatlichen, teilweise wieder privatwirtschaftlichen Organisationen, Einfluss der Standesvertretungen wie auch verschiedener Gewerkschaften, Konkurrenz unter den Krankenkassen.
Diese und viele weitere Komponenten – auch der neue Versicherungsfonds gehört dazu – stellen nach Aussage der Befürworter den hohen Standard des deutschen Gesundheitswesens sicher. Oft wird als Gegenbeispiel das schlechte staatliche System in England als Schreckgespenst an die Wand gemalt.
Klar ist aber auch: Wenn alle Patienten gleichermaßen Zugang zu allen Behandlungsmethoden haben, dann kann der Konkurrenzkampf um die Privatpatienten nur auf dem Gebiet des Service, der Freundlichkeit, des Komforts geführt werden. Womit die Behauptung alle Patienten würden in den Praxen gleich behandelt, ins Reich der Legende verwiesen werden kann.
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